Eigene Spiritualität im
Kontext der Begleitung schwerkranker und sterbender
Menschen
Ein Vortrag von
Monika Müller, gehalten am 19.6. 2006 in der Krypta des
Mönchengladbacher Münsters im Rahmen des Forum Hospiz.
Gedanken aus dem
Buch: Monika Müller: Dem Sterben Leben geben. Die
Begleitung sterbender und trauernder Menschen als
spiritueller Weg
Gütersloher Verlagshaus 2004
Mit freundlicher Genehmigung von Monika
Müller
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In den ersten Überlegungen zu diesem Vortrag habe ich
zunächst nach Definitionen gesucht, die mir den Einstieg in
das Thema erleichtern sollten und auf denen ich meine
Gedanken entwickeln konnte. Ich wurde enttäuscht, weil ich
das, was ich vorfand, für viel zu theoretisch - abstrakt
oder aber zu eingeengt hielt. Dass für Henri Bergson
Spiritualität eine Geistigkeit ist, die in der reinen Dauer
liegt,( vgl. Wörterbuch der philosophischen Begriffe), dass
theologische und/oder religionspsychologische Lexika
Spiritualität als einen „empirisch beobachtbaren
Frömmigkeitsstil“, eine Übung in reiner Innerlichkeit
( Dunde) bezeichnen und in eine Spiritualität nach Meister
Eckehart, eine franziskanische, liberal-evangelische oder
tibetische, unterscheiden, war für mich nicht hilfreich, da
ich spirituelles Denken und Handeln auch außerhalb von
Religiosität oder gar Konfessionalität vermute.
Als ich dann im Freundes/Kollegenkreis darüber sprach,
wurde ich mit zahlreichen, nicht immer ernst gemeinten
Assoziationen zu diesem Begriff konfrontiert.
Spiritistisch, meinten die einen, welch fortgeschrittenes,
esoterisches Thema für einen Kongress. Andere brachten den
pikanten Zusammenhang zu Spirituosen und ergingen sich in
Betrachtungen über die Wechselwirkung von der Begleitung
Schwerkranker und Alkoholmissbrauch. Und mein Computer
fragte mich nach dem Eintippen der ersten 3 Buchstaben:
Spiritual? So falsch sie alle lagen – oder besser
liegen wollten -, so war doch an allem ein Funken
Richtigkeit, zumindest was den Wortstamm betrifft: mit
Geistigkeit und Geist haben alle Begriffe zu tun, auch wenn
es in einem Fall eher der Weingeist ist. An diesem Bezug
Geist wollte ich gerne weiterarbeiten, da er mir eine
sinnvolle Möglichkeit bot, den Spiritualitätsbegriff aus
dem Bereich des Diffusen und Verschwommenen herauszulösen
und ihn von dem Vorwurf zu entlasten, er sei mit der
Rationalität und Wissenschaftlichkeit nicht vereinbar.
Sie werden erwarten, dass ich zunächst einmal sage, was ich
unter Spiritualität verstehe. Ich möchte jedoch nicht, von
einer von mir vorgegebenen Definition abgeleitet, bestimmte
Erfahrungen, die ich in meiner Lebens- und Arbeitspraxis
kennen gelernt habe, als spirituelle klassifizieren. Ich
möchte Sie lieber einige von den Wegen mitgehen lassen, auf
denen ich selbst mehr und mehr zu der Überzeugung gelange,
es handle sich bei den gemachten Erfahrungen und erlebten
Geisteshaltungen um spirituelle. Diese verschiedenen
Geister, die ich auf diesen Wegen traf und von denen ich
annehmen mag, dass sie auch den Geist der Begleitung
wiedergeben, möchte ich nun einzeln betrachten, sie
sozusagen anrufen, und - anders als bei Goethe - hoffen,
dass wir sie nicht mehr loswerden.
Von dem Geist, sich das Leben
zu nehmen
Dieser Ausdruck mag Sie zunächst erschrecken.
Ich will hier kein euthanasistisches Gedankengut
beschwören, vielmehr einer Art Euvitasie das Wort reden,
der Idee vom glücklichen Leben. Es soll lediglich der
wörtliche Ausdruck der schlichten Haltung sein, dieses
unser Leben nicht nur zu betrachten, sondern es in einem
neuerlichen, diesmal eigenständigen Entscheidungsakt
anzuerkennen und anzunehmen.
Die Welt, die uns umgibt, lehrt uns nicht, zu sterben. Es
wird alles getan, um den Tod aus unserem Bewusstsein zu
verbannen, als ginge es nur darum, Ziele zu erreichen, als
wäre Leistung der einzig gültige Wert. Aber so lehrt sie
uns ebenfalls auch nicht, zu leben, bestenfalls mit dem
Leben zurecht zu kommen, was beileibe nicht das Gleiche
ist. Wir sind immer mehr bemüht zu machen und laufen immer
heftiger dem Haben nach.
Auch in der Begleitung alter und kranker Menschen gibt es
einige Haltungen dem Leben gegenüber, die sich im besten
Fall mit Lebensscheu umschreiben lassen. Während wir bei
allen Zielbestimmungen und Therapieplänen eifrigst die
Lebensqualität der uns anvertrauten Patienten diskutieren
und uns in ethischen Konsilen vehement um
Lebenswertanamnesen bemühen, vernachlässigen wir häufig
genug die eigene Lebensqualität, ja wissen manchmal gar
nicht mehr, woraus sie bestehen könnte. So wirkt das
Kümmern um fremde Lebensqualität gelegentlich wie ein
trauriger Ersatz.
In den Supervisionsrunden höre ich immer wieder davon, auch
ab und zu von Lebenshemmungen, die sich aus Respekt vor dem
großen Leid der Patienten einstelle.
Ein Arzt berichtete davon, wie
schwer es ihm gefallen sei, nach seinem Surfurlaub
braungebrannt den Patienten auf der Station zu begegnen und
dass ihn diese Vorstellung schon während des gesamten
Urlaubs belastet und sein Wohlgefühl beeinträchtigt habe.
Eine Krankenschwester im Hospiz teilte ihre Überlegung mit,
sich ihr volles, langes Haar abzuschneiden, um die
kahlköpfigen Patientinnen nicht unnötig damit zu
konfrontieren und sie dadurch zu kränken.
Solche Gedanken gehen von der Vorstellung aus, als gäbe es
auf der einen Seite die Sterbenden und auf der anderen die
Lebenden. Als trügen wir nicht schon heute den Keim des
Seitenwechsels in uns, als ob das Sterben kein Bestandteil
des Lebens wäre, als ob wir uns nicht alle miteinander noch
in diesem Lebensstrom befänden, der da besteht aus
Nichtigem und Wichtigem, Freudigem und zu Betrauerndem,
Helligkeit und Schatten. Und dass sich das Leben zu nehmen,
in diesem Falle heißt. Sich all diesem nicht zu
verschließen, sondern es zu er-leben, zu er-fahren, in
Gänze und Fülle in sich aufzunehmen, bevor wir es nicht
mehr können.
Es ist sicher kein Zufall, dass sowohl in der lateinischen
wie auch der hebräischen Sprache die Worte für
„Weisheit“ und „Schmecken“
identisch sind. „Schmecket und sehet, wie freundlich
der Herr ist!“ ruft der Psalmist ( Ps. 34, 9).Die
Schönheiten der Schöpfung zu kosten, führt zu einer
vertieften Weltsicht.
Nach nunmehr fast 10 Jahren Begleitung von Menschen in
ihrer letzten Lebens-phase scheint mir die Beobachtung
wichtig, dass die Möglichkeit, mit seinem Leben nachsichtig
abzuschließen und dem Tode sachter entgegenzublicken
weniger eine Frage des Alters ist als eine Frage des
gelebten Lebens. Ich habe einen 20jährigen Jungen sterben
sehen, der mir einige Wochen vor seinem Tode am Telefon
sagte: My pockets are full. I
didn`t miss anything, neither right nor wrong. Of course
I`d like to try this or that, and taste some more of life.
But that would only be a kind of variation. I think I`m
pretty ready to leave.“ „Meine Taschen sind
voll. Ich habe nichts ausgelassen, weder an Richtigem noch
an Falschem. Natürlich würde ich gerne noch weiteres
ausprobieren und mehr Leben kosten, aber es wären nur
Variationen. Ich glaube, ich kann gehen.“
Und wir, die wir noch mitten im Leben stehen oder zu stehen
glauben, wann kosten wir von diesem Leben? Reagieren wir
nicht manches Mal bereits im Vorfeld mit
Lebensüberdrußsodbrennen oder Lebensabwehrblähungen oder
Lebensdiätplänen, um es nicht zu tun? Treten wir dieses
Leben nicht manchmal mit den Füßen, indem wir sagen, wir
würden zwar leben wollen, aber anders, unter neuen
Umständen und nicht so.
Ein solcherart abgewehrtes Leben aber wehrt sich
seinerseits, es „bildet Reste“, wie Sloterdijk
sagt „ Das Leben bildet
Reste – ein ungeheures, brennendes Noch –
Nicht... Das träumt über sich hinaus und stirbt voller
Weigerung. Darum vibriert die Geschichte höherer
Zivilisationen von zahllosen und maßlosen
Noch-Nicht-Schreien – von einem millionen-stimmigen
Nein zu einem Tod, der nicht das Verhauchen des
ausgeglühten Lebens ist ...“ ( Peter
Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, 1983, S. 509
Und weiter beschreibt Sloterdijk:
„Was wissen der
Angstmensch, der Sicherheitsmensch, der Lohnarbeitsmensch,
der Verteidigungsmensch, der Sorgenmensch, ..., der
Planungsmensch vom Leben?
Wenn wir aufzählen, was unsere Lebensinhalte ausmacht, so
ergibt sich in der Summe viel Versäumnis und wenig
Erfüllung, viel dumpfer Traum und wenig Gegenwart.“ (
Sloterdijk, ebd.S. 525)
Ein weise Formulierung aus alter Zeit begleitet uns bis
heute: Media vita in morte sumus. Sie ist uns steter Appell
auf Besinnung, vor lauter Lebenszugewandtheit den Tod nicht
zu vergessen. Aber mir scheint auch, gerade in Verbindung
mit der Begleitung Alter, Kranker und Sterbender, die
gelegentliche Umdrehung der Formel angebracht. Sie könnte
dann heißen: Media morte in vita sumus. Mitten in all den
kleinen und großen Toden dürfen wir des Leben, seine
Würdigung und seine Feier nicht aus den Augen verlieren.
Seit Jahren hege ich den Wunsch, Lissabon zu sehen, sein
vielgerühmtes Licht und den Fado im Original zu hören. Im
Vorbereiten dieses Vortrags habe ich beschlossen, den
Wunsch sehr bald umzusetzen. Sie sehen, man lehrt immer
das, was man selber lernen muss.
Vom Geist der Würde
Das Leben und sich selbst zu würdigen, bildet die
Grundvoraussetzung, anderen Menschen, Patienten und
Angehörigen, ihre Würde zuzugestehen. Das scheint uns
– so sollte man meinen - selbstverständlich,
entspricht diese Aussage doch § 1 unseres Grundgesetzes.
Doch entspricht sie auch der Wirklichkeit und den manches
Mal zutage kommenden Gefühlen in unserem Alltag?
Wer das Äußere dieser Bilder betrachtet, ist in seinen
ethischen Kapazitäten in der Tat einer höchsten
Belastungsprobe ausgesetzt. Wenn das Wort würdig, mhdt.
wirdec etymologisch der Ehrung wert bedeutet, stellt sich
bei diesen Fotos durchaus die Frage, ob hier von Ehre
gesprochen werden kann, eine Ehrung statthaft ist. Dies ist
ein Anblick, der auch religiöse Menschen an der Idee der
Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott Anfragen stellen
lässt, wenn nicht gar verzweifeln lässt. Aber gerade hier
haben wir unsere Bewährungsprobe zu bestehen.
Ehrung heißt, einem Menschen Ansehen zu geben, dies
geschieht im wörtlichen Sinne, indem wir nicht verlegen
oder ablehnend den Kopf wenden, In der Tat wird dies uns in
manchen Fällen größere Überwindung kosten, denn unsere
spontane Emotionalität fühlt sich irritiert oder
abgestoßen. Deutlich wie nirgendwo sehen wir hier, dass der
Mensch nicht immer von sich aus oder auch nicht auf Dauer
das göttliche Antlitz hat, sondern, dass wir es zu sehen
und ergänzen aufgerufen sind.
( Detlef Bernhard Linke, In Würde altern und sterben. Zur
Ethik der Medizin. Gütersloher Verlagshaus 1991, S. 66 )
Detlef Linke nennt dies die „Ethik der
Ergänzung“( ebenda S. 74)
Bei einem Besuch eines New
Yorker Krankenhauses lernten wir den anglikanischen
Krankenhausseelsorger kennen, Father John, einen jungen,
attraktiven durchtrainierten Mann, der auch außerhalb
seines Berufes Leben und Lebensqualität zu kennen schien.
Er berichtete gutgelaunt von seinem Alltag in der Klinik,
seinen Patienten und den Fragestellungen, mit denen er zu
tun hatte. Dann führte er uns durch die Klinik. In einer
Abteilung gab es Menschen mit sehr offensichtlichen, ins
Auge springenden mehrfachen Behinderungen. Wir waren
verlegen und erschrocken, bemühten uns, unser Entsetzen
hinter interessierten Fragen nach Herkunft der Anomalien
und ihren Behandlungsmöglichkeiten zu verbergen und die
Patienten dabei nicht unverhohlen anzustarren. Im
Weiterplaudern nahm Father John einen kleinen, sehr
entstellten Jungen mit spastisch verrenkten Gliedern und
speichelndem Mund auf den Arm, fuhr ihm zärtlich durch das
Haar, hielt ihn zu uns hoch und sagte :“Isn`t he
beautiful?“ Der Junge hatte sehr schöne braune Augen,
aber Father John sagte nicht etwa: „ Hat er nicht
schöne Augen?“ oder „Sieht er nicht trotzdem
lieb aus?“, nein, er sagte schlicht: „Isn`t he
beautiful“.
Ist dies nicht manchmal auch die unausgesprochene Frage,
mit denen uns kranke und alte Menschen konfrontieren, mit
denen sie sich nicht an die „Spezialisten für
Spiritualität“ ( wer ist das überhaupt?) wenden,
sondern an uns.
„Du, der Du mich behandelst, pflegst, begleitest, mit
welchem Blick betrachtest Du mich? Bin ich nichts als ein
verfallender Körper, der bald verschwunden sein wird?
Welchen Wert misst Du mir bei?
In der Würdigung eines Menschen sehen wir seine
Repräsentanz der gesamten Menschheit und des in ihr
innewohnenden Geistes. Einen Menschen zu würdigen –
dies ist weit mehr als die Wertschätzung nach Carl Rogers
-, heißt, ihm das Durchgeistigte zuzusprechen. Das
Verbindende von Körper und Seele ist dieses Durchgeistigte.
Ein früher Sprecher der Christenheit, Paulus, nennt dieses
pneuma, Hauch, der die wunderbare Komposition
„Mensch“ bewohnt, inspiriert und erhellt.
Bei sehr alten und sehr kranken Menschen, aus denen sich
die körperliche Evidenz und Vitalität mehr und mehr
zurückgezogen hat (mir sagte einmal eine sterbende
Bettnachbarin im Krankenhaus: Das mit dem Sterben ist gar
nicht so schwer, das Leben zieht sich einfach aus einem
zurück wie das Wasser bei Ebbe.) finden wir manchmal sehr
anschaulich dieses Durchgeistigte als Durchsichtigkeit. Wir
finden sie manchmal auch auf dem Antlitz von Verstorbenen,
als hätte sie eben dieser Hauch gewaschen, als hätte er sie
besänftigt und ihre Falten geglättet.
Dieses Durchgeistigte birgt ein Mysterium.
Vom Geist des
Geheimnisses
In Anerkenntnis dieses Mysteriums im Menschen spreche ich
nun den Geist des Geheimnisses an.
Hat ein solches Thema in unserem Denken, in unseren
Wissenschaften überhaupt Platz? Wird es hier nicht eher als
eine Armutsdeklaration gesehen, als ein Offenbarungseid
unserer aufgeklärten/ aufklärerischen Möglichkeiten, die
uns glauben machten, den Menschen fassen, erklären, deuten
zu können?
Unlängst selber zu Gast (zu Gast?) in einem Krankenhaus,
wurde mir noch einmal mehr deutlich, wie sehr diese Häuser
und Kliniken Orte der Entblößung sind. Natürlich meine ich
damit nicht die notwendigen Diagnostiken, Radiologie,
Ultraschall, Endoskopie,... und die so hilfreichen
Interventionen der Medizin, vor allem der Chirurgie. Ich
meine das fehlende Gleichgewicht zwischen notwendiger
Entblößung und schutzbietender Verhüllung. Ich meine damit
die vielfach erlebte Haltung des Personals, mir als
Patienten keinen inneren Raum zu lassen, in den ich mich
zurückziehen, ja in dem ich mich verbergen kann, in dem ich
unverfügbar bin.
Sloterdijk weist in seiner Kritik der zynischen Vernunft
auf die sprachlichen Analogien zwischen moderner
medizinischer Diagnostik und den Machenschaften der
Geheimdienste hin. „Der Arzt betreibt gewissermaßen
somatische Spionage. Der Körper ist der Geheimnisträger,
der so lange beschattet wird, bis über seine inneren
Umstände so viel bekannt ist, dass Maßnahmen getroffen
werden können....Und wie die Agenten setzen die Mediziner
großen Ehrgeiz in die Verschlüsselung von Informationen,
damit das „Objekt“ nicht weiß, was man über es
weiß.“( S. 628/629)
Wir gehen oft von der Annahme
aus, dass nur das im Menschen/ Patienten wirklich und
wichtig ist, was wir von ihm sehen und von ihm wissen, was
gemessen, gewogen, durchleuchtet, darstellbar,
diagnostizierbar ist, das aber ist nicht alles. „Auch
der Nicht – Fromme setzt, wenn er kein Plattkopf ist,
nicht sein gewohntes Sein und Sehen als das Maß der Dinge,
die sind und nicht sind“. ( E. Bloch, Das Prinzip
Hoffnung, 1979, 6. Aufl. S. 1405
Der Patient, der Klient will aber nicht nur als Kranker
gesehen werden, als Mensch mit einer Störung oder einem
Defekt, sondern als Person, die ihre Geschichte, ihre
innere persönliche Linie hat – und vor allem ihr
Geheimnis.
Das Geheimnis eines Menschen anzuerkennen und stehen zu
lassen, sollte gerade auch der Geist sein, der in der
Krankenhaushilfe lebt.
Vor Jahren überließ mir eine Kollegin per Delegation eine
Klientin zur Trauertherapie mit den Worten: „ Sie ist
halt ein oraler Typ.“ Abgesehen davon, dass diese
Klassifizierung für nichts hilfreich war, empörte und
beschämte mich die kalte Bloßlegung durch diese Worte bis
aufs Blut.
„Was? Wo die Diagnose
denn meiner Meinung nach hingehöre? Die psychiatrischen
Fachzeitschriften sind voller bedeutungsloser Diskussionen
über abgestufte Diagnosen. Strandgut der Zukunft. Ich weiß,
dass die Diagnose bei manchen Psychosen wichtig ist, aber
bei der alltäglichen Psychotherapie spielt sie kaum eine
Rolle – und wenn, dann eine negative. Haben Sie
jemals darüber nachgedacht, dass es einfacher ist, eine
Diagnose zu erstellen, wenn man den Patienten zum ersten
Mal sieht, und dass es immer schwieriger wird, je besser
man einen Patienten kennen lernt? Gewissheit ist umgekehrt
proportional zum Wissen. Schöne Wissenschaft, wie?“
Iron D. Yalom, Die rote Couch, 1998
Der Geist des Geheimnisses, von dem ich hier zu sprechen
versuche, akzeptiert, dass er nicht alles von einem
Menschen weiß und wissen muss.
Der andere ist, was unser Wissen und unsere Wahrnehmung
übersteigt. Er besitzt seinen innersten „Raum“,
der unseren sinnlichen und intellektuellen
Aneignungswünschen widersteht, und sich unserem Zugriff und
unserer Kontrolle entzieht.
Der Mensch ist mehr als die
Summe der Ergebnisse aller Diagnostik
Sich kein Bild zu machen, dieser Leitsatz des jüdischen
Glaubens in Bezug auf das Göttliche, ist auch hier ganz und
gar zutreffend. Wir pressen die uns anvertrauten Patienten
und Klienten manches Mal in Bilder, müssen dies auch
gelegentlich, sind aber gefährlich geneigt, sie bleibend zu
schablonisieren und damit zu enteignen, ihre Eigenheit
wegzunehmen, was nichts anderes als den lieblosen Akt
meint, sie sich selbst zu entfremden.
Der Geist des Geheimnisses bietet eine andere Tätigkeit an:
die des Staunens. Im Staunen treten wir einen behutsamen
Schritt zurück und umfassen unser Gegenüber mit einem
scheuen Blick, so wie wir gelegentlich andere Naturwunder
anschauen: einen erhabenen Berg oder ein tosendes Meer. So
birgt das Staunen gleichermaßen die Bewunderung als auch
die Verwunderung.
Das natürlich Wunderbare gibt es in jedem Menschen. Carl
Gustav Jung nennt es in Anlehnung an die Schriften von
Rudolf Otto das „Numinose“. Ernst Bloch
bezeichnet es als „Das
ganz andere Ganz Andere, das nicht groß, nicht
überwältigend genug von dem, was des Menschen ist, denken
kann“ ( Bloche, ebd. S. 1497 ) „Unsere
Herrlichkeit: ihr Wohnort ist und bleibt auch hierbei im
Inkognito jedes gelebten Augenblicks“ ( Bloch, ebd.
S, 1548 )
Indem wir uns und dem anderen dieses Numinose, diesen ganz
anderen Raum jenseits des Banalen und Trivialen, außerhalb
des Sichtbaren, Tastbaren, Begreif-baren zuerkennen, geben
wir uns und ihm die Möglichkeit, ihn wiederzuentdecken, ja
ihn wieder zu bewohnen.
Vom Geist der
Absichtslosigkeit
Aus der Haltung, einem Menschen sein Geheimnis und seinen
geheimen Raum, der wie im Märchen nur von ihm betretbar
ist, zu lassen, ergibt sich, dass wir weder den Schlüssel
für diesen Raum suchen müssen noch den Schlosser
herausfinden müssen, der diesen Schlüssel herstellt. Meist,
so ist meine Erfahrung, haben unsere Patienten und Klienten
so wie wir selber diese Schlüssel für unsere ganz anderen
Räume durchaus noch in Besitz, oft sind sie nur verlegt im
Durcheinander des Lebens oder der Umzugspanik des Sterbens.
Gerade die unter uns, die sich mit besonderer Hingabe den
psychosozialen und spirituellen Aufgaben der Begleitung
widmen, stellen oft große Anforderungen an sich selber,
Patienten und Klienten beim Abschließen mit dem Leben und
bei der so genannten Sinnsuche zu helfen. Im Eifer dieses
Helfens wird häufig übersehen,
dass wir dabei gerne unsere eigenen Übertragungen zu leben
geneigt sind und dem anderen munter einen Sinn anempfehlen,
der viel eher der eigene wäre als der fremde. Zum zweiten
kann auch hier wieder Enteignung geschehen, indem wir uns
als Helfer um etwas kümmern, was nicht unseres ist und wozu
wir keinen Auftrag
haben.
Ich habe am Anfang gesagt, dass Spiritualität nicht
zwingend etwas mit Religion zu tun hat. Erlauben Sie mir
dennoch an dieser Stelle einen der größten Therapeuten der
Weltgeschichte zu zitieren, der seine Klienten vor den
Anwendungen die ... Frage stellte: “Was willst Du,
dass ich Dir tue?“
Dem sterbenden, schwerkranken oder alten Menschen seine
Sinnsuche abzunehmen, heißt oft genug, sie ihm wegzunehmen.
auch der sterbende Mensch ist nicht klein, nicht hilflos,
nicht dumm, nicht inkompetent, bloß weil er sterbend ist.
Der Geist der Absichtslosigkeit verzichtet auf alle offenen
und geheimen Absichten, den Patienten/ Klienten zu etwas zu
bewegen, ihn zu etwas zu bringen, zu motivieren, zu
überreden, und wäre ich noch so sehr von diesem Ziel, von
diesem Nutzen- und Heilbringenden überzeugt. Dieser Geist
kann sich manchmal im positiven Sinn auch zeigen als der
Geist der Ratlosigkeit, indem wir auf Ratschläge
verzichten. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich meine
hier natürlich nicht den Verzicht auf Möglichkeiten der
Schmerztherapie, auf Vorschläge zur Symptomkontrolle, die
Unterbreitung von pflegerischen Hilfsangeboten, sondern die
Ratschläge zur Lebens-rund Sterbebewältigung. Der Glaube an
die Würde des Patienten, an seine Lebenskraft selbst im
Sterben, an die Existenz seines inneren Raumes verhilft uns
dazu, uns ihm in Achtung zu nähern, seine Person mit ihrer
unsichtbaren Dimension, seiner Intimität und seinem
Geheimnis zu respektieren und entgegen aller äußerlichen
Schwäche Vertrauen in die ihm innewohnende Stärke und
Fähigkeit aufbringen zu können und ihn darin zu
unterstützen. Wir so genannten Helfer leben viel zu sehr
von der altruistisch wirkenden Aussage: Ich kann Dir
helfen. Die, denen wir dies anbieten, brauchen viel
häufiger ein „ Du kannst „. Mir gefällt, dass
im angelsächsischen Sprachraum das Wort für das soziale
Helfen „support“ ist und die Helfer „care
givers“ heißen, also die, die Sorge und den Raum
bereitstellen, innerhalb dessen sich die Hilfsbedürftigen
zu helfen lernen und sich zu helfen wissen, weil es ihnen
zugemutet und zugetraut wird.
Ich frage mich, ob Angehörige und Helfer den Kranken und
Sterbenden nicht manchmal erdrücken mit ihrer Sinnsuche für
ihn. Nicht von ungefähr sind häufig diejenigen die
eifrigsten, die genau dieses Manko in ihrem Leben erkennen.
Ich halte gerade das nicht für spirituell ausgerichtete
Begleitung, auch wenn das Wort Sinn darin vorkommt.
Begleitung in dieser Dimension heißt für mich, vor dem
sterbenden Menschen als Handelnder zurückzutreten, ihm Raum
und Zeit zu geben, dass er sich nach innen wenden kann und
seine besonderen Fragen stellen und seine besonderen
Antworten finden kann. Begleiter sind nicht die, die Sinn
suchen, Sinn erschließen, erklären oder deuten, sondern
die, die Zeuge sind, stille, nicht kommentierende und
verschwiegene Zeugen, wenn der Sterbende bereit ist, ans
Ende seiner selbst zu gehen und sich dem zu öffnen, was
über ihn hinausgeht.( was mehr ist als seine bisherige
Identität, sein Körper, seine Krankheit, seine Symptome )
Diese Momente geteilter Ohnmacht sind Augenblicke, in denen
wir keine Angst davor haben, in Kontakt zu treten. Zwischen
dem anderen und uns entsteht Übereinstimmung, angesichts
der Frage von Leiden und Tod gleichermaßen hilflos zu sein.
Und jeder von ihnen wächst in dieser Erfahrung, denn im
Akzeptieren der eigenen Hilflosigkeit und Armseligkeit
liegt der erste Schritt zu seinem wirklichen Selbst.
Es wäre, wenn wir Zeit hätten, noch von manch anderen
Geisthaltungen in unserer Arbeit zu sprechen, so z. B. vom
Vom Geist des Schöpferischen
Vom Geist der Wahrhaftigkeit
Vom Geist wider den Zynismus
Vom Geist des Mitleidens
Vom Geist der Gemeinsamkeit und der gemeinsamen
Orientierung
Vom Geist des Aufgehobenseins
Vom Geist der Sorge statt Für-sorge
Als letztes möchte ich noch eine Haltung benennen, die mir
eine zentral wichtige für die spirituelle Dimension in der
Begleitung und Betreuung alter, kranker oder sterbender
Menschen, ihrer Freunde und Angehörigen, scheint:
Die Geistes –
Gegenwart
Wir haben über das absichtslose Zugegensein und die
Wahrnehmung der Würde und des Geheimnisses eines anderen
Menschen gesprochen und dass wir ihm
zutrauen, seine Dinge in seiner Art zu regeln und seinen
Weg zur Selbstwerdung zu gehen. Dies erfordert eine
ungeheure Konzentration und Achtsamkeit, ein tiefes
Ausgerichtet – Sein auf ihn im Augenblick der
Begegnung. Wie häufig gelingt uns dies in unserem
Arbeitsalltag, im Gespräch, wenn auch einem ganz kurzen,
wirklich, das heißt nicht nur leibhaftig, bei einem anderen
Menschen zugegen zu sein?
Wie viel mehr sind wir in abgelenkten Gedanken bei wieder
anderen, bei anderem, bei der Vorstellung, was noch zu tun
ist oder in der anhaftenden Erinnerung an das, was vorhin
noch war. Angefüllt gehen wir in den nächsten Kontakt und
wundern uns, wenn dann kein Platz in uns ist zur Begegnung.
Aus dem folgenden kuriosen Beispiel habe ich viel für mich
gelernt:
Es war Mittwochmorgen, 5 Ärzte
und zwei Krankenschwestern waren zur Chefvisite um mein
Bett versammelt, man besprach die Werte, war zufrieden mit
der Narbe, überlegte den Einsatz ein zusätzliches
Medikamentes und erwog das Hinzuziehen eines anderen
Spezialisten – alles verlief korrekt, nur mit einem
Schönheitsfehler: das Bett war leer. Ich, um die es, wie
ich glaubte, ging, war gerade noch im Badezimmer, hörte
meinen Namen – immerhin den! - durch die angelehnte
Tür und bemühte mich, so schnell wie möglich in mein Bett
und das Zentrum der Wahrnehmung zu gelangen. Dort
angekommen, bekam ich nur noch mit, wie man sich mit einem
Nicken ab- und dem nächsten Bett zuwandte.
Diese Begebenheit hat die Begriffe Anwesenheit und
Zugegensein ad absurdum geführt. Mit Geistesgegenwart meine
ich nicht eine lange innige Anwesenheit, sondern eine
– wenn auch kurze – authentische Begegnung
zwischen zwei Menschen, in der beide wirklich vorkommen.
Solche Begegnungen zwischen zwei Menschen sind gesegnete
Augenblicke.
Immer wieder hören wir in Fortbildungen und Supervisionen
die Klage:“ Das ist ja alles gut und schön, aber uns
fehlt einfach die Zeit.“
Ohne hier Sozialromantik zu betreiben und ohne die
vorherrschenden Strukturen in einem Krankenhausbetrieb und
einer Arztpraxis zu beschönigen, möchte ich diesen Einwand
nur begrenzt gelten lassen. Es ist nicht immer eine Frage
der Zeit, sondern manchmal mehr eine Frage, wie, mit
welcher Haltung, ich die begrenzt zur Verfügung stehende
Zeit fülle. Allein der Blick, mit dem ich einen Patienten,
einen Klienten betrachte, umfange, trifft eine Aussage. Die
Aussage, ob ich ihn bestätige und ihm zutrauenden Raum
gebe. Und ihn anschauen muss ich so oder so. Hierbei ist
quantitativ keine Zeit einzusparen, aber die Art des
Schauens hat verschiedene Qualitäten. Der Augen –
blick enthüllt, ob ich geistesgegenwärtig bin, bei ihm bin
mit aller mir im Moment möglichen Achtsamkeit und
Wahrnehmung. Indem ich ihn wahrnehme, nehme ich seine
Gegenwart und sein Sein für wahr. Ein so angeschauter
Mensch fühlt sich für wahr genommen und findet Zugang zu
dieser seiner Wahrheit und seinem Wesen.
Meine Damen und Herren, ich habe versucht deutlich zu
machen, dass es in der Spiritualität als geistige Haltung
nicht um Richtungen von Religionen und Weltanschauungen
geht.
die in einem Absolutheitsanspruch einander widersprechen
und den Menschen in seiner Wegsuche möglicherweise
verwirren oder gar zerreißen.
Auch ist Spiritualität nicht das Ergebnis unablässigen
Übens, das einen irgendwann an das Ziel der Ich –
Losigkeit und der Vollkommenheit bringt.
Spiritualität ist auch nicht auf smarte Sinnsuche zu
reduzieren, nicht für Krankheitsverarbeitung zu
instrumentalisieren, sie erweist sich nicht in der
Anwendung einer abgehobenen Sprache und einem
Spiritualitäts-Tourismus, der sich als wokshophopping
darbietet.
Spiritualität ist – entgegen der Aussage eines
Geschäftes in Rendsburg – auch nicht als Konsumware
zu kaufen, sondern ist eine die Welt und das Leben ordnende
geistige Haltung, die gar nicht so selten mühsam erworben
und erlitten sein will.
Spiritualität bewährt sich in Ihrer Tätigkeit als
be-geisterter Humanismus, das heißt als eine vom Geist
erfüllte Mitmenschlichkeit.
Wes Geistes Kind wir sind, zeigt sich in den Augenblicken
zugewandter Geistesgegenwart.
Dann, werden manche von Ihnen nun sagen, arbeite ich
spirituell. Genau das wollte ich Ihnen vermitteln.
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Wir danken Frau Monika Müller für die freundliche
Genehmigung, ihren Vortrag an diesem Ort veröffentlichen zu
dürfen.